Zhu Rongji gestorben: Der Reformer, der China und die USA verband
Der frühere chinesische Premier prägte drei Jahrzehnte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Peking und Washington. Was sein Tod für die heutige Diplomatie bedeutet.
Peking, 12. August 2026. Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 Ministerpräsident der Volksrepublik China, ist tot. Der ehemalige Bürgermeister von Shanghai und spätere Regierungschef gilt als einer der prägendsten Wirtschaftsreformer der chinesischen Geschichte. Seine Rolle bei der Öffnung Chinas für internationale Handelsbeziehungen, insbesondere mit den Vereinigten Staaten, bleibt bis heute Gegenstand internationaler Würdigung.
Vom Shanghaier Bürgermeister zum Reformarchitekten
Bereits Mitte 1990, lange bevor China zur heutigen Wirtschaftsmacht aufstieg, reiste Zhu als Bürgermeister von Shanghai in die USA, eingeladen vom National Committee on United States-China Relations. Diese frühen Kontakte legten den Grundstein für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die später Millionen Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Pazifiks beeinflusste. Als Premierminister trieb Zhu ab 1998 den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation voran, der 2001 vollzogen wurde.
Seine Reformpolitik umfasste die Umstrukturierung maroder Staatsbetriebe, die Sanierung des Bankensektors und eine Öffnung für ausländische Direktinvestitionen. Diese Schritte gingen mit politischen Risiken einher, da sie innenpolitisch nicht unumstritten waren. Internationale Beobachter sehen in Zhus Amtszeit einen Wendepunkt für die wirtschaftliche Integration Chinas in globale Handelsstrukturen.
Wirtschaftliche Verflechtung als Vermächtnis
Der WTO-Beitritt Chinas unter Zhus Führung veränderte die globalen Handelsströme fundamental. Chinas Anteil am Welthandel stieg von unter vier Prozent im Jahr 2001 auf heute rund 15 Prozent. Der bilaterale Handel zwischen China und den USA wuchs von rund 121 Milliarden US-Dollar im Jahr 2001 auf phasenweise über 660 Milliarden US-Dollar in den 2020er-Jahren, wenngleich Handelskonflikte und Zölle diesen Wert in den vergangenen Jahren wieder gedrückt haben.
Zhu selbst vertrat die Überzeugung, dass produktive Beziehungen zwischen China und den USA sowohl für sein Land als auch für die internationale Stabilität von Nutzen seien. Diese Haltung stand im Kontrast zu späteren Phasen zunehmender Spannungen, etwa im Bereich Handelszölle, Technologieexportkontrollen und Halbleiterpolitik.
Reaktionen aus Wirtschaft und Diplomatie
Die Nachricht von Zhus Tod löste international Würdigungen aus, insbesondere von ehemaligen amerikanischen Diplomaten und Wirtschaftsvertretern, die in den 1990er-Jahren direkt mit ihm zusammengearbeitet hatten. Mehrere frühere US-Regierungsvertreter beschrieben ihn als Gesprächspartner, der auch in Phasen politischer Differenzen an einer sachlichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit festhielt.
Die South China Morning Post, die den Nachruf veröffentlichte, ordnet Zhus Vermächtnis in eine Zeit ein, in der persönliche Beziehungen zwischen chinesischen und amerikanischen Entscheidungsträgern eine größere Rolle spielten als heute. Analysten verweisen darauf, dass die heutige Kommunikation zwischen Peking und Washington deutlich stärker durch institutionelle Kanäle und weniger durch persönliche Vertrauensverhältnisse geprägt ist.
Für Europa und insbesondere Österreich bleibt die wirtschaftliche Verflechtung mit China ein zentraler Faktor. Österreichische Exporte nach China beliefen sich zuletzt auf rund 3,4 Milliarden Euro jährlich, während Importe aus China etwa 11 Milliarden Euro erreichten. Die Ära Zhu Rongji zeigt, dass wirtschaftliche Öffnung und institutionelle Reformen in China historisch eng mit internationaler Handelsintegration verknüpft waren, ein Zusammenhang, der auch für die künftige Gestaltung der EU-China-Beziehungen relevant bleibt, etwa bei Verhandlungen über Marktzugang, Investitionsschutz und technologische Kooperation.
Quelle: China – South China Morning Post | Originalartikel