Kyivs Grundstücks-Mafia: Anklage gegen neun, angeblicher Organisator sitzt in Wien
Ein wichtiges Korruptionsverfahren in der Ukraine. Der Hauptbeschuldigte ist für die Behörden nicht greifbar und lebt im Luxus in Wien.
Die ukrainische Antikorruptionsbehörde NABU und die Spezialstaatsanwaltschaft SAP haben am 6. Oktober 2026 Anklage gegen neun Personen erhoben. Im Zentrum des Verfahrens mit der Nummer 52023000000000154 steht ein mutmaßliches System, mit dem eine Gruppe über Jahre Grundstücksentscheidungen in Kiew kontrolliert haben soll.
Als Organisator gilt der frühere Kiewer Stadtratsabgeordnete Denys K., der sich gemäß Recherchen ukrainischer Medien in Wien aufhält.
Eine Toilette als Türöffner für Millionenwerte
Das Kernstück der Ermittlungen ist eine Methode, die ukrainische Medien als „Toiletten-Schema“ bezeichnen:
Auf begehrten Grundstücken wurde ein einfaches oder gar nicht existierendes Bauwerk registriert, etwa eine Toilette oder ein technisches Gebäude. Mit dieser Registrierung ließ sich das umliegende Grundstück ohne Ausschreibung übertragen, offiziell zur „Erhaltung“ der Immobilie.
Nach Angaben der Ermittler wurden auf diese Weise Flächen im Wert von 11,6 Millionen Hrywnja (umgerechnet rund 260.000 Euro) tatsächlich übereignet, die Übertragung von sechs weiteren Grundstücken im Wert von 83,7 Millionen Hrywnja (etwa 1,9 Millionen Euro) konnte gestoppt werden. Ein weiterer Versuch, städtisches Land im Wert von über 70 Millionen Hrywnja zwischen 2023 und 2024 zu übernehmen, wird separat untersucht.
Neben den Grundstücksgeschäften dokumentieren die Ermittler laut NABU auch ein Bestechungsangebot von 100.000 US-Dollar an einen Abgeordneten sowie Druck auf ein privates Unternehmen, um ein Grundstück für spätere Bebauung zu erhalten. Die Gruppe soll zudem Verschlüsselungstechnik, Decknamen und Gegenmaßnahmen gegen Überwachung genutzt haben, Entscheidungen seien gezielt außerhalb offizieller Ratssitzungen vorbereitet worden.
Razzien, Kautionen und ein Mann, der verschwand
Am 6. Februar 2025 fand eine groß angelegte Operation statt: über 90 Hausdurchsuchungen, sieben Festnahmen, zehn Verdächtige. Unter den Betroffenen waren der frühere stellvertretende Leiter der Kiewer Stadtverwaltung, Petro O., der mit Kaution von 15 Millionen UAH freikam, sowie der frühere Leiter der Bodenkommission des Stadtrats, Mychajlo T., dessen Kaution bei fast 20 Millionen Hrywnja lag. In Bankschließfächern fanden die Ermittler mehr als 6,4 Millionen US-Dollar, 630.000 Euro sowie 800.000 UAH in bar.
Der Hauptverdächtige konnte nicht festgenommen werden. Am 10. Februar 2025 setzte ihn die NABU auf die Fahndungsliste. Ukrainische Journalisten rekonstruierten später seine Ausreise: Begleitet von Personen mit Ausweisen des ukrainischen Inlandsgeheimdiensts SBU, zwei Mitarbeitern der von Ermittlungsbehörde der Oblast Transkarpatien und einem lokalen Abgeordneten soll er zur Grenze gefahren sein, in der Kolonne ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen „200“.
Kurz darauf tauchte er in Wien auf, wo die NABU in der Folge eigene Ermittlungshandlungen in Abstimmung mit österreichischen Behörden durchführte. Gegen ihn läuft inzwischen auch ein separates Verfahren wegen mutmaßlich hinterzogener Steuern in Höhe von rund 12 Millionen UAH.
Vom Ermittlungsakt zur Gerichtsverhandlung
Am 20. Januar 2026 erklärten NABU und SAP die Ermittlungen für abgeschlossen. Drei Beteiligte waren zu diesem Zeitpunkt bereits verurteilt, im Hauptverfahren verblieben neun Angeklagte. Mit der Anklageschrift vom 6. Oktober geht der Fall nun offiziell vor Gericht, mit der gesamten Beweislast aus über zweieinhalb Jahren Ermittlungsarbeit.
Für Österreich ist der Fall vor allem deshalb relevant, weil K. sich weiterhin in Wien aufhält, während das Strafverfahren gegen ihn in der Ukraine läuft. Ermittlungshandlungen der NABU auf österreichischem Boden werfen Fragen nach der Rolle Wiens als Aufenthaltsort für Personen auf, gegen die in ihren Herkunftsländern Antikorruptionsverfahren anhängig sind, ein Muster, das im Zusammenhang mit ukrainischen Wiederaufbau- und Verwaltungsreformen wiederholt beobachtet wird.
Internationale Partner der Ukraine, darunter die EU, knüpfen Unterstützungszahlungen und Reformfortschritte unter anderem an die Funktionsfähigkeit von NABU und SAP, weshalb der Ausgang dieses Verfahrens auch für die Bewertung der ukrainischen Justizreform von Bedeutung ist.