Iran-Konflikt trifft Schlafzimmer: Kondome werden teurer
Wien, 25. April 2026 — Was haben Raketen über der Straße von Hormus mit dem Drogerieregal in Wien-Favoriten zu tun? Mehr als man denkt. Der malaysische Konzern Karex, weltgrößter Hersteller von Kondomen, hat Preiserhöhungen angekündigt. Der Grund: Die eskalierenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran treiben die Kosten für petrochemische Rohstoffe in die Höhe. Ein Alltagsprodukt wird zum Gradmesser globaler Krisen.
Latex braucht Erdöl – und das kommt aus der Krisenregion
Kondome bestehen aus Naturlatex, doch für deren Produktion werden zahlreiche petrochemische Zusatzstoffe benötigt. Weichmacher, Stabilisatoren, Gleitmittel – all das basiert auf Erdölderivaten. Karex, das rund jeden fünften Kondom weltweit produziert und Marken wie Durex beliefert, bezieht einen erheblichen Teil dieser Vorprodukte aus dem Nahen Osten.
Die jüngsten Konfrontationen zwischen Washington und Teheran haben die Schifffahrtsrouten durch die Straße von Hormus unsicherer gemacht. Versicherungsprämien für Tanker sind gestiegen, Lieferzeiten haben sich verlängert. Das schlägt direkt auf die Produktionskosten durch. Karex-CEO Goh Miah Kiat erklärte gegenüber Medien, man habe keine andere Wahl als die gestiegenen Kosten weiterzugeben.
Europa spürt die Abhängigkeit
Für österreichische Konsumenten bedeutet das konkret: Preiserhöhungen im mittleren einstelligen Prozentbereich sind zu erwarten. Branchenkenner rechnen mit Aufschlägen von drei bis sieben Prozent im Großhandel, die sich zeitverzögert im Einzelhandel niederschlagen werden. Betroffen sind nicht nur Markenprodukte, sondern auch Eigenmarken von Drogerieketten und Diskontern.
Die Situation offenbart einmal mehr Europas Verwundbarkeit in globalisierten Lieferketten. Während die EU bei Energie mühsam Alternativen zu russischem Gas aufgebaut hat, bleiben Abhängigkeiten bei Industriechemikalien weitgehend unbeachtet. Der Kondommarkt ist dabei nur ein Symptom eines größeren Problems: Hunderte Alltagsprodukte – von Kosmetik bis Kunststoffverpackungen – hängen an denselben fragilen Lieferketten.
Gesundheitspolitische Dimension
Experten warnen vor den gesellschaftlichen Folgen steigender Preise. Kondome sind nicht nur Verhütungsmittel, sondern zentrales Instrument der HIV-Prävention. Die Weltgesundheitsorganisation beobachtet mit Sorge, dass Preiserhöhungen in einkommensschwachen Regionen den Zugang erschweren könnten. Auch in Österreich nutzen Beratungsstellen wie die AIDS-Hilfe Gratiskondome als niederschwelliges Präventionsangebot – steigende Einkaufspreise belasten deren ohnehin knappe Budgets.
Das österreichische Gesundheitsministerium wollte sich auf Anfrage nicht zu möglichen Gegenmaßnahmen äußern. In Deutschland diskutiert man bereits, ob Kondome als Gesundheitsprodukte steuerlich begünstigt werden sollten.
Die zwei Seiten der Macht
Der Fall zeigt exemplarisch, wie geopolitische Machtspiele den Alltag von Millionen Menschen beeinflussen – oft auf Wegen, die niemand auf dem Radar hat. Die eine Seite der Macht: Staaten, die Konflikte eskalieren lassen, ohne die globalen Konsequenzen zu bedenken. Die andere Seite: Konzerne und Konsumenten, die in Abhängigkeiten gefangen sind, die erst in der Krise sichtbar werden. Zwischen Teheran und dem Nachttisch liegen weniger Schritte als gedacht. YANUS verfolgt die Entwicklung der Rohstoffpreise und deren Auswirkungen auf europäische Verbraucher weiter.