Festgenommene ukrainische Journalisten sind wieder frei – Mykhailo Tkach berichtet über die Festnahme
Mykhailo Tkach spricht im Interview mit Chefredakteurin Sevğil Musaieva von der "Ukrainska Pravda" über seine Festnahme und Freilassung in Wien
In einem Online-Interview mit Sevğil Musaieva, Chefredakteurin der „Ukrainska Pravda“ schilderte Mykhailo Tkach, der Leiter von deren Investigativredaktion die Festnahme von ihm und seinem Kollegen Yaroslav Bondarenko am 8. Oktober 2026 gegen 16h Ortszeit in Wien.
Tkach wurde nach einer Nacht in Polizeigewahrsam am 9. Oktober gegen vier Uhr morgens freigelassen. Yaroslav Bondarenko befand sich zum Zeitpunkt des Interviews nach Tkachs Angaben weiterhin im Polizeigewahrsam und wurde am Nachmittag des 9. Oktober 2026 freigelassen.
Die Yanus-Redaktion veröffentlicht nachfolgend eine Zusammenfassung, basierend ausschließlich auf dem Transkript des online verfügbaren Interviews.
Die Darstellung des Polizeieinsatzes und der Vernehmungen stammen ausschließlich von Mykhailo Tkach. Es gilt für alle angeführten Personen die Unschuldsvermutung.
Ausgangspunkt: journalistische Recherchen in Wien
Tkach und Bondarenko waren nach eigenen Angaben seit mehreren Tagen in Wien, um den Aufenthaltsort von Ruslan Kravchenko zu recherchieren, dem ehemaligen ukrainischen Generalstaatsanwalt. Die Redaktion betrachtet diese Recherche als Angelegenheit von öffentlichem Interesse.
Beide Journalisten betonen im Gespräch, dass ihre Dreharbeiten ausschließlich an öffentlichen Orten stattgefunden hätten. Die Moderatorin erklärte ausdrücklich, dass sie keine privaten Grundstücke betreten hätten. Tkach verwies auf frühere Recherchen seines Teams in Wien und auf öffentlich zugängliche Beiträge, anhand derer sich ihre journalistische Tätigkeit nachvollziehen lasse.
Die Festnahme auf der Straße
Nach Tkachs Schilderung ereignete sich die Festnahme am 8. Oktober 2026 gegen 16 Uhr. Die beiden Journalisten fuhren gerade von einem Drehort zum nächsten und hielten an einer Ampel, ungefähr fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.
Plötzlich seien etwa fünf bis sieben bewaffnete, maskierte Personen an das Fahrzeug herangetreten. Sie hätten die Scheiben eingeschlagen, Waffen auf die Insassen gerichtet und auf Deutsch Befehle geschrien. Tkach berichtet, dass er sofort die Hände gehoben und erklärt habe, dass sie Journalisten seien.
Anschließend seien beide aus dem Auto gezogen und mit dem Gesicht nach unten auf die Straße geworfen worden. Sie seien in dieser Position durchsucht worden und ihre Hände hätten die Einsatzkräfte zunächst mit einem Band beziehungsweise einer Fessel fixiert. Tkach sagt außerdem, eine Person habe ihm ein Knie auf den Hals gedrückt und ihn zum Schweigen aufgefordert.
Danach sei er in einen nahe gelegenen Durchgang gebracht und mit dem Gesicht gegen eine Wand gedrückt worden. Er beschreibt den Einsatz als äußerst einschüchternd und sagt, er habe sich behandelt gefühlt, als werde ein Terrorverdächtiger festgenommen.
Warum Tkach zunächst an eine Entführung dachte
Tkach erklärt, er habe in den ersten 30 bis 40 Minuten nicht verstanden, wer die bewaffneten Personen seien. Er habe weder Dienstausweise noch erkennbare Polizeiaufschriften wahrgenommen. Die Personen seien unterschiedlich und in Zivil gekleidet gewesen; eine für ihn verständliche Erklärung habe es nicht gegeben.
Deshalb habe er zunächst befürchtet, dass jemand eine Entführung in Auftrag gegeben haben könnte. Erst als er Polizeifahrzeuge gesehen habe, sei ihm klar geworden, dass es sich um einen Polizeieinsatz handelte. Das habe ihn etwas beruhigt, weil er nun zumindest auf ein rechtsstaatliches Verfahren gehofft habe.
Eine inhaltliche Erklärung für seine Festnahme habe er allerdings erst deutlich später erhalten.
Bondarenkos Verletzungen und die Trennung der beiden
Tkach berichtet, dass beim Einschlagen der Autoscheiben Glassplitter in Bondarenkos Gesicht geflogen seien. Dies habe er selbst unmittelbar vor ihrer Festnahme gesehen.
Im weiteren Verlauf habe er erfahren, dass Bondarenko ins Krankenhaus gebracht worden sei und Verletzungen im Gesicht genäht werden mussten. Diese Information kann Tkach im Gespräch jedoch nicht durch eine eigene spätere Begegnung bestätigen: Seit dem Zugriff habe er seinen Kollegen nicht mehr gesehen.
Nach seinem damaligen Kenntnisstand wurde Bondarenko anschließend zur Polizeidienststelle zurückgebracht und weiter vernommen. Wie schwer dessen Verletzungen waren und wann er freikommen würde, blieb zum Zeitpunkt des Interviews unklar.
Zu Beginn nimmt die Moderation noch an, Bondarenko sei ebenfalls bereits frei. Tkach korrigiert diese Annahme ausdrücklich, da seine Freilassung erst später erfolgte.
Transport und Unterbringung in der Polizeidienststelle
Tkach schildert, dass er in einem sehr engen Einzelabteil eines Polizeitransporters untergebracht worden sei. Die Fahrt mit Sirenen habe ungefähr 20 Minuten gedauert.
In der Polizeidienststelle seien ihm sämtliche persönlichen Gegenstände abgenommen worden, darunter sein Telefon. Auch seine Schuhe habe er ausziehen müssen. Anschließend habe er etwa zwei Stunden in einer Einzelzelle verbracht, ohne zu erfahren, warum er festgehalten wurde.
Er habe vorbeigehende Polizeibeamte wiederholt nach den Gründen gefragt, aber keine Erklärung bekommen. Ein Arzt habe ihn während dieser Zeit aufgesucht und nach seinem Befinden gefragt.
Tkach beschreibt, dass er angesichts der Härte des Einsatzes nach möglichen Erklärungen gesucht habe. Zwischenzeitlich habe er sogar befürchtet, jemand könnte ihnen etwas ins Auto gelegt haben. Das stellt er als damaligen Gedanken dar, nicht als festgestellten Vorgang.
Später sei er in einen anderen Raum gebracht worden und habe sich vollständig ausziehen müssen. Danach habe er seine Kleidung zurückbekommen, sein Gewicht und seine Körpergröße seien erfasst worden. Ein deutschsprachiges Dokument habe er nicht unterschreiben wollen, weil er dessen Inhalt nicht verstand. Nach seiner Darstellung habe ein Beamter darauf verärgert reagiert.
Beginn der Vernehmung und Kontakt zur Redaktion
Eine nachvollziehbare Kommunikation habe nach Tkachs Darstellung erst gegen 23 Uhr begonnen, als er zu zwei Ermittlern gebracht wurde. Eine Dolmetscherin habe die Verständigung ermöglicht und bis zum Morgen gearbeitet.
Nun sei ihm erklärt worden, dass er eine nahestehende Person anrufen dürfe. Durch diesen Anruf habe er Informationen über seine Festnahme weitergeben können. Die Redaktion habe daraufhin über die Vorgänge online berichtet und anwaltliche Unterstützung organisiert.
Die Ermittler hätten ihm außerdem mitgeteilt, dass er eine Aussage verweigern könne. Tkach habe sich zur Aussage bereit erklärt, weil er nichts zu verbergen habe.
Die von Tkach geschilderten Vorwürfe
Zu Beginn der Vernehmung habe er ein Dokument erhalten, das er als eine Art Mitteilung über die gegen ihn bestehenden Verdachtsmomente verstand. Er nennt drei Vorwürfe:
- Spionage im Interesse des ukrainischen Militärnachrichtendienstes;
- Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation;
- Schädigung Österreichs, wobei er die genaue Formulierung dieses dritten Vorwurfs nur aus seiner Erinnerung wiedergibt.
Das Transkript enthält weder den Wortlaut des Dokuments noch konkrete österreichische Gesetzesbestimmungen.
Tkach beschreibt diese Vorwürfe als absurd angesichts seiner journalistischen Arbeit. Nach seiner Darstellung wurden ihm während der Vernehmung keine konkreten Beweise für eine rechtswidrige Tätigkeit vorgelegt. Er habe den Eindruck gewonnen, dass die Behörden auf Informationen reagierten, die ihnen jemand übermittelt habe und die möglicherweise irreführend gewesen seien.
Die Fragen zu seiner ukrainischen Militärakkreditierung
Ein wesentlicher Gegenstand der Vernehmung sei Tkachs journalistische Akkreditierung bei den ukrainischen Streitkräfte gewesen. Er erklärt, dass eine solche Akkreditierung Journalisten die Berichterstattung unter den Bedingungen des Krieges ermögliche und auch ausländischen Journalisten ausgestellt werde.
Nach seinem Eindruck hätten die Ermittler darin jedoch einen möglichen Hinweis auf seine Zugehörigkeit zu ukrainischen militärischen Strukturen gesehen. Seine Dokumente seien sehr genau auf Verbindungen zu Streitkräften oder Nachrichtendiensten geprüft worden.
Tkach betont, dass er den Ermittlern seine Arbeit erklärt und ihnen vorgeschlagen habe, seine veröffentlichten Recherchen über Google und YouTube anzusehen.
Unterstützung durch ukrainische Diplomaten
Tkach und die Moderation danken ausdrücklich dem ukrainischen Außenministerium, Außenminister Andrij Sybiha, dem Botschafter Vasyl Khymynets, dem Konsul sowie dem Ministeriumssprecher Heorhij Tychyj.
Der Konsul sei gegen ein Uhr nachts zur Dienststelle gekommen. Er habe sich um Zugang zu beiden Journalisten bemüht und die Redaktion über die Entwicklungen informiert.
Tkach habe nach dem ersten, ungefähr zweistündigen Teil seiner Vernehmung mit dem Konsul sprechen und ihm den Ablauf schildern können. Anschließend sei die Vernehmung fortgesetzt worden. Die diplomatische Unterstützung beschreibt er als besonders wichtig.
Freilassung und weiterhin offene Ermittlungen
Nach der Vernehmung sei Tkach erneut in eine Zelle gebracht worden, in der sich lediglich eine Bank befunden habe. Er sei erschöpft gewesen und bereits im Sitzen eingeschlafen.
Gegen vier Uhr morgens sei ihm mitgeteilt worden, dass die zuständige Staatsanwältin seine Freilassung angeordnet habe. Tkach versteht diese Entscheidung so, dass offenbar keine ausreichende Grundlage für eine weitere Anhaltung bestanden habe.
Er äußert außerdem den Eindruck, dass die ursprüngliche Festnahme ohne vorherige gerichtliche Genehmigung erfolgt sei. Das wird im Gespräch nicht durch Unterlagen bestätigt.
Seine Freilassung bedeutet nach dem Interview keine bestätigte Einstellung des Verfahrens. Tkach geht davon aus, dass die Ermittlungen weiterlaufen und die Staatsanwaltschaft über weitere Schritte entscheiden müsse. Er würdigt ausdrücklich, dass die zuständigen Personen auch nachts gearbeitet und die Entscheidung nicht bis zum nächsten Arbeitstag aufgeschoben hätten.
Tkachs Vermutung über den Auslöser des Polizeieinsatzes
Tkach vermutet, dass eine Person, über die sein Team recherchierte, die österreichischen Behörden mit falschen oder manipulativen Informationen beeinflusst haben könnte. Denkbar sei aus seiner Sicht insbesondere eine Behauptung über Verbindungen der Journalisten zum ukrainischen Militär oder Nachrichtendienst.
Auf die Frage, wen er konkret verdächtige, nennt er Ruslan Kravchenko oder Personen aus dessen Umfeld. Er begründet dies damit, dass ihre aktuelle Recherche auf Kravchenkos Aufenthaltsort ausgerichtet gewesen sei.
Im Interview nennt Tkach allerdings keinen Beleg dafür, dass Kravchenko oder dessen Umfeld tatsächlich eine Anzeige erstattet oder den Einsatz ausgelöst hätten. Diese Verbindung bleibt seine Hypothese.
Er verweist auf frühere Versuche, die Arbeit seines Teams zu behindern, unter anderem bei Recherchen zu Timur Mindich in Israel. Auch dort hätten Personen versucht, die Tätigkeit der Journalisten als rechtswidrig darzustellen.
Die weitergehende Kritik an einer möglichen Instrumentalisierung österreichischer Behörden
Tkach sieht in dem Vorfall die Gefahr, dass Personen, die sich journalistischen Recherchen entziehen wollen, staatliche Sicherheitsbehörden für ihre eigenen Interessen einsetzen könnten.
Sein Argument lautet: Wenn eine journalistische Recherche als Spionage oder Sicherheitsbedrohung dargestellt werde, könnten Behörden mit umfangreichen Maßnahmen reagieren. Dadurch werde die Recherche behindert, selbst wenn sich der Verdacht später nicht erhärte.
Er betont, dass sein Team bereits einen zweiten Tag mit den Folgen der Festnahme beschäftigt sei, statt den redaktionellen Auftrag fortzuführen. Gleichzeitig erkennt er an, dass österreichische Behörden Sicherheitsinformationen ernst nehmen müssen. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die aus seiner Sicht mögliche Täuschung der Behörden und gegen die Härte des Einsatzes.
Darüber hinaus verweist er auf die öffentlichen Kosten: Zahlreiche Einsatzkräfte und Fahrzeuge, eine Straßensperre sowie nächtliche Arbeit von Ermittlern und Staatsanwaltschaft seien für diesen Vorgang erforderlich gewesen.
Die Recherche zu Kravchenkos Aufenthalt und möglichem Asylverfahren
Im letzten Teil erläutern Tkach und die Moderation die zugrunde liegende Recherche genauer. Die Redaktion habe Dokumente aus dem österreichischen zentralen Melderegister veröffentlicht, denen zufolge Kravchenko und seine Ehefrau in Wien registriert seien.
Die Moderatorin sprach in diesem Interview davon, dass beide ein Verfahren zur Erlangung politischen Asyls begonnen hätten. Tkach formuliert vorsichtiger: Die Registrierung könne darauf hindeuten, dass sie einen entsprechenden rechtlichen Weg beschritten.
Zudem habe die Redaktion festgestellt, dass als Adresse die Anschrift eines Unternehmens angegeben worden sei, das Postfach- und Adressdienstleistungen anbiete. Nach den von der Redaktion eingeholten juristischen Auskünften hätte dort der tatsächliche Wohnort angegeben werden müssen.
Die Gesprächspartner stellen deshalb die Frage, ob die Registrierung ordnungsgemäß sei und warum die österreichischen Behörden auf die Veröffentlichung bislang nicht reagiert hätten. Eine behördliche Feststellung über einen Rechtsverstoß wird im Transkript nicht genannt.
Warum die Redaktion der „Ukrainska Pravda“ auch ein österreichisches öffentliches Interesse sieht
Tkach argumentiert, dass auch die österreichische Bevölkerung ein Interesse daran habe, zu wissen, welche früheren ukrainischen Amtsträger sich im Land aufhalten und aus welchen Gründen.
Er verweist dabei auf die im Gespräch genannte Operation „Karthago“ und mögliche Ermittlungen zu betrügerischen Callcentern. Sollte sich nachweisen lassen, dass ukrainische Spitzenbeamte solche Strukturen geschützt hätten, könnten auch österreichische Bürger zu den Geschädigten gehören.
Diese Aussage formuliert er ausdrücklich als mögliches künftiges Ermittlungsergebnis. Das Interview liefert keinen Nachweis einer entsprechenden Beteiligung Kravchenkos.
Politisch kritisiert Tkach außerdem die Möglichkeit, dass Personen, die in der Ukraine wegen Korruption verdächtigt werden, in Europa Schutz suchen könnten, während die Ukraine zugleich europäische Finanzhilfe benötigt.
Welche Aufklärung Tkach und die Redaktion verlangen
Die Chefredaktion der „Ukrainska Pravda“ kündigte an, mit Anwälten weiterzuarbeiten, Bondarenkos Situation zu verfolgen und eine öffentliche Erklärung der österreichischen Behörden einzufordern. Journalistische und Menschenrechtsorganisationen werden aufgefordert, die Kollegen zu unterstützen.
Tkach fordert insbesondere eine Klärung folgender Fragen:
- Welche konkreten Informationen führten zur Festnahme?
- Wer übermittelte diese Informationen, und waren sie zutreffend?
- Welche Grundlage rechtfertigte den Einsatz bewaffneter, maskierter Kräfte und das Einschlagen der Autoscheiben?
- Warum wurden die Journalisten so lange festgehalten?
- Welche weiteren Schritte sind im Verfahren vorgesehen?
Zum Abschluss regte er an, dass die österreichische Polizei Videoaufnahmen des Zugriffs veröffentlichen sollte. So ließe sich der Ablauf des Einsatzes mit den tatsächlichen Verdachtsmomenten vergleichen.
Zum Zeitpunkt des Gesprächs waren damit die Gründe und die behördliche Bewertung des Einsatzes weiterhin offen. Tkach war bereits frei und wartete vor der Polizeidienststelle auf Informationen über Bondarenko; eine österreichische Stellungnahme und eine bestätigte Entscheidung über den Abschluss der Ermittlungen lagen der Redaktion der „Ukrainska Pravda“ noch nicht vor.
Quelle:
Interview in der „Ukrainska Pravda“ mit Mykhailo Tkach
Photo: (c) Mykhailo Tkach