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Die Akte Yuriy Kosyuk: Wie ein ukrainischer Oligarch mit seinem MHP-Konzern Europas Geflügelmarkt erobert (Teil 1)

Die Akte Yuriy Kosyuk: Wie ein ukrainischer Oligarch mit seinem MHP-Konzern Europas Geflügelmarkt erobert (Teil 1)


Die europäische Agrarpolitik soll heimische Produzenten schützen und gleichzeitig hohe Standards für Tierwohl, Lebensmittelsicherheit und fairen Wettbewerb gewährleisten.

Der Fall des ukrainischen Geflügelkonzerns MHP (Myronivsky Hliboproduct) illustriert laut Medienberichten, wie internationale Konzerne regulatorische Schlupflöcher nutzen können – während europäische Finanzinstitutionen deren Expansion mit Milliardenkrediten unterstützten.

Bereits vor einigen Jahren berichteten die österreichische Tageszeitungen „KURIER“ und „HEUTE“ über einen Mechanismus, mit dem der Konzern MHP große Mengen Hühnerfleisch in die Europäische Union exportierte, obwohl für besonders wertvolle Teilstücke eigentlich strenge Importquoten galten.

Mehrheitseigentümer von MHP ist der ukrainische Oligarch Yuriy Kosyuk (deutsche Schreibweise: Jurij Kossjuk), einer der wohlhabendsten Unternehmer des Landes.

Yuriy Koyuk (Photo: superyachtfans.com)

Kosyuk verfügte über enge Kontakte zur früheren ukrainischen Regierung und war zeitweise Berater von Präsident Petro Poroschenko.

Seine Konzernholding war über Jahre auf Zypern registriert, nachdem zuvor Luxemburg als Holdingstandort genutzt worden war.

Der „Knochentrick“
Im Zentrum der Kritik stand ein vergleichsweise einfacher Mechanismus:

Für klassische Hühnerbrustfilets galten im Rahmen des EU-Assoziierungsabkommens mit der Ukraine mengenmäßige Beschränkungen. MHP exportierte jedoch Hühnerbrüste, an denen ein kleiner Flügelknochen verblieb. Dadurch wurden sie zollrechtlich anders eingestuft und fielen nicht unter dieselben Importquoten.

Nach der Einfuhr in EU-Mitgliedstaaten wie die Niederlande oder die Slowakei wurde der verbliebene Knochen entfernt. Anschließend konnte das Fleisch innerhalb der Europäischen Union als verarbeitetes Produkt frei vermarktet oder sogar in Drittländer exportiert werden.

Kritiker bezeichneten dieses Vorgehen als bewusste Umgehung des Sinns der europäischen Importregelungen.

Massive Expansion mit Krediten von EIB und EBRD
Besonders umstritten war nicht nur das Geschäftsmodell selbst, sondern auch dessen Finanzierung.
MHP erhielt über Jahre umfangreiche Kredite internationaler Finanzinstitutionen, darunter
Europäische Investitionsbank (EIB), Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD).
Diese Finanzierungen dienten dem Ausbau neuer Produktionskapazitäten und der internationalen Expansion.

Kritiker stellten die Frage, weshalb europäische Steuergelder einen Konzern unterstützen sollten, der anschließend in direkten Wettbewerb mit europäischen Geflügelproduzenten tritt.

Zukäufe in Slowenien, Griechenland und Spanien

Der ukrainische Lebensmittelkonzern, der ca. 40.000 Mitarbeiter hat, baut inzwischen seine Präsenz in Europa weiter aus.

Im Jahr 2019 erwarb Kosiuk den slowenischen Geflügelproduzenten Perutnina Ptuj. Über diesen wurde eine 92%-Beteiligung an der spanischen Grupo Uvesa erworben.

Im Juni 2026 wurde von MHP bekannt gegeben, dass man schrittweise die Mehrheit am griechischen Geflügelunternehmen Nitsiakos übernimmt. Beide Unternehmen haben im Juli 2026 eine Investitionsvereinbarung unterzeichnet, die eine stufenweise Beteiligung von zunächst 70 Prozent vorsieht. Perspektivisch kann MHP die Beteiligung auf bis zu 100 Prozent erhöhen.

Ein Fall mit aktueller Bedeutung
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert.

Die Europäische Union gewährte ukrainischen Agrarprodukten zeitweise weitreichende Handelserleichterungen, um die ukrainische Wirtschaft zu stabilisieren.

Gleichzeitig nahmen jedoch die Proteste europäischer Landwirte zu. In mehreren Mitgliedstaaten wurde kritisiert, dass Importe aus der Ukraine den Preisdruck auf heimische Produzenten erheblich verstärkten.


Der Fall MHP steht deshalb bis heute exemplarisch für die schwierige Balance zwischen wirtschaftlicher Unterstützung der Ukraine, fairen Wettbewerbsbedingungen innerhalb der EU, dem Schutz europäischer Landwirtschaft sowie der Frage, unter welchen Bedingungen europäische Finanzinstitutionen private Großkonzerne fördern sollten.

Offene Fragen


Auch Jahre später bleiben zentrale Fragen bestehen:

Sollten europäische Entwicklungsbanken Konzerne finanzieren, die anschließend in direkten Wettbewerb mit europäischen Produzenten treten?

Wie wirksam sind Handelsabkommen, wenn regulatorische Schlupflöcher ihren ursprünglichen Zweck unterlaufen?

Reichen die Kontrollmechanismen aus, um die Einhaltung europäischer Tierwohl- und Qualitätsstandards bei Importen sicherzustellen?

Und wie lassen sich wirtschaftliche Solidarität mit der Ukraine und der Schutz europäischer Landwirtschaft langfristig miteinander vereinbaren?

Der Fall MHP zeigt, dass diese Fragen weit über einen einzelnen Geflügelkonzern hinausreichen. Sie betreffen die Grundsatzfrage, wie Europa seine Agrar-, Handels- und Förderpolitik künftig ausgestalten will.

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