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Lithium statt Loyalität: Lateinamerikas Balanceakt zwischen USA und China

Eine hochrangige Kommission unter Michelle Bachelet und Iván Duque rät der Region, Rohstoffe als Verhandlungsmasse zu nutzen, statt sich zwischen Washington und Peking zu entscheiden.

Lithium statt Loyalität: Lateinamerikas Balanceakt zwischen USA und China

Eine internationale Expertenkommission unter der Leitung der früheren chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet und des ehemaligen kolumbianischen Präsidenten Iván Duque hat lateinamerikanischen Staaten empfohlen, sich im Wettbewerb zwischen den USA und China nicht auf eine Seite zu schlagen. Stattdessen solle die Region ihre Vorkommen an Lithium, Kupfer und anderen strategischen Rohstoffen gezielt als Verhandlungshebel einsetzen. Der Bericht wurde von einem hochrangigen, überparteilich besetzten Gremium erarbeitet, dem ehemalige Staats- und Regierungschefs sowie Wirtschaftsexperten aus mehreren Ländern angehören.

Rohstoffe als Machtfaktor

Lateinamerika verfügt über rund 60 Prozent der weltweiten Lithiumreserven, konzentriert vor allem in Chile, Argentinien und Bolivien, dem sogenannten Lithium-Dreieck. Chile ist zudem der weltweit größte Kupferproduzent mit einem Anteil von rund 24 Prozent der globalen Fördermenge. Diese Rohstoffe gelten als Schlüsselkomponenten für Batterien, Elektromobilität und Halbleiterproduktion, Bereiche, in denen sowohl die USA als auch China stark investieren.

Die Kommission argumentiert, dass diese Ressourcenkonzentration der Region eine Verhandlungsposition verschafft, die über reine Rohstofflieferungen hinausgeht. Anstatt sich exklusiv an einen Partner zu binden, könnten Länder wie Chile, Peru oder Argentinien Investitionsangebote aus beiden Wirtschaftsräumen gegeneinander abwägen und so bessere Konditionen für Weiterverarbeitung und Technologietransfer aushandeln.

Grenzen der Unabhängigkeit

Gleichzeitig räumt der Bericht ein, dass der Handlungsspielraum in sensibleren Bereichen deutlich kleiner ist. Bei Sicherheitsfragen, Technologiestandards und kritischer Infrastruktur, etwa im Bereich 5G-Netze oder Häfen, seien viele Staaten stärker an bestehende Partnerschaften und Lieferketten gebunden. Hier lasse sich eine strikte Äquidistanz zwischen Washington und Peking in der Praxis kaum aufrechterhalten.

China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine wirtschaftliche Präsenz in Lateinamerika kontinuierlich ausgebaut. Der bilaterale Handel zwischen China und der Region erreichte 2023 nach Angaben der chinesischen Zollbehörde einen Wert von rund 489 Milliarden US-Dollar, ein Vielfaches des Niveaus von vor 20 Jahren. Gleichzeitig bleiben die USA für viele Länder der Region der wichtigste sicherheitspolitische und finanzielle Partner, unter anderem über multilaterale Institutionen wie die Interamerikanische Entwicklungsbank.

Diversifizierung als Strategie

Der Bericht schlägt konkrete Schritte vor, um die Verhandlungsposition zu stärken: den Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten, damit Rohstoffe nicht nur exportiert, sondern auch vor Ort weiterverarbeitet werden, sowie eine engere Abstimmung zwischen den Regierungen der Region, um gemeinsam gegenüber externen Investoren aufzutreten. Einzelstaaten hätten deutlich weniger Verhandlungsmacht als ein koordinierter Block.

Als Beispiel nennt die Kommission Chiles Lithium-Politik, bei der der Staat seit 2023 eine stärkere Kontrolle über die Wertschöpfungskette anstrebt, unter anderem durch Beteiligungen des staatlichen Kupferkonzerns Codelco an privaten Lithiumprojekten.

Für Europa und damit auch für Österreich ist die Debatte um Lateinamerikas Rohstoffpolitik keine abstrakte Fernost-Frage. Die EU verhandelt seit Jahren über ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur-Block und ist ebenso wie die USA und China auf verlässlichen Zugang zu Lithium und Kupfer angewiesen, etwa für die heimische Batterie- und Automobilzulieferindustrie. Sollte Lateinamerika seine Verhandlungsmacht tatsächlich bündeln, müsste sich auch Europa stärker um eigenständige Partnerschaften bemühen, anstatt sich auf traditionelle Handelsbeziehungen zu verlassen.

Österreichische Unternehmen der Zulieferindustrie, etwa im Bereich Batterietechnik, beobachten diese Entwicklungen mit wirtschaftlichem Interesse, unabhängig von der geopolitischen Großwetterlage zwischen Washington und Peking.

来源:中国——《南华早报》 | 原文

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