Freitag, 29. Mai 2026
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China & AsienPolitik

Gedenktage des Zweiten Weltkriegs: Wie Nationen Erinnerung gestalten

Wien, 19. April 2026 — Der Zweite Weltkrieg forderte zwischen 70 und 85 Millionen Menschenleben. Acht Jahrzehnte später halten Gedenkveranstaltungen rund um den Globus die Erinnerung wach – doch die Art des Erinnerns unterscheidet sich fundamental. Während Europa am 8. Mai den Tag der Befreiung begeht, feiert Russland am 9. Mai den Sieg über Nazi-Deutschland. China wiederum gedenkt am 3. September des Sieges über Japan. Diese unterschiedlichen Daten sind kein Zufall – sie spiegeln nationale Narrative wider, die bis heute politisch wirksam sind.

Verschiedene Nationen, verschiedene Erinnerungskulturen

In China wurde der 3. September 2014 zum offiziellen Gedenktag erklärt. An diesem Tag kapitulierte Japan 1945 formell. Die chinesische Regierung betont dabei die Rolle des Landes als Hauptschauplatz des asiatischen Kriegsgeschehens – mit geschätzten 14 bis 20 Millionen zivilen Opfern. Gedenkstätten wie das Nanjing-Massaker-Museum erinnern an japanische Kriegsverbrechen und ziehen jährlich Millionen Besucher an.

Russland inszeniert den 9. Mai als zentralen Feiertag der nationalen Identität. Die Militärparade auf dem Roten Platz ist eine Machtdemonstration, die über reines Gedenken hinausgeht. Großbritannien begeht den Remembrance Day am 11. November – dem Tag des Waffenstillstands von 1918 – mit zwei Schweigeminuten um elf Uhr. Die USA feiern am selben Datum den Veterans Day, an dem lebende Veteranen geehrt werden. Der Memorial Day Ende Mai ist hingegen den Gefallenen gewidmet.

Österreichs kompliziertes Verhältnis zur Geschichte

Für Österreich bleibt der 8. Mai ein ambivalentes Datum. Lange Zeit dominierte die Opferthese – das Land als erstes Opfer Nazi-Deutschlands. Erst 1991 bekannte sich Bundeskanzler Franz Vranitzky zur Mitverantwortung von Österreichern an NS-Verbrechen. Heute gedenkt die Republik mit Kranzniederlegungen und Ansprachen, doch ein einheitlicher nationaler Feiertag ist der 8. Mai nicht. Die Diskussion darüber flammt regelmäßig wieder auf.

Deutschland wiederum hat eine intensive Aufarbeitungskultur entwickelt. Der Volkstrauertag im November erinnert an alle Kriegsopfer. Holocaust-Gedenktag ist der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz. Diese Differenzierung zeigt: Gedenken ist nie neutral, sondern immer auch ein Akt der Selbstdefinition.

Wenn Geschichte zur Waffe wird

In Zeiten geopolitischer Spannungen wird Erinnerungspolitik instrumentalisiert. Russlands Kreml nutzt den Sieg von 1945 zur Legitimation aktueller Politik. China verweist auf japanische Kriegsverbrechen, wenn territoriale Konflikte im Südchinesischen Meer eskalieren. Japan selbst ringt mit der Frage, wie an gefallene Soldaten zu erinnern ist – Besuche von Politikern im umstrittenen Yasukuni-Schrein sorgen regelmäßig für diplomatische Verstimmungen mit Nachbarstaaten.

Historiker warnen: Wenn Gedenken primär der Gegenwartspolitik dient, verliert es seine mahnende Funktion. Die Opfer werden zu Statisten nationaler Erzählungen degradiert.

Die zwei Seiten der Macht

Gedenkstätten und Feiertage sind zugleich Orte der Trauer und Instrumente der Politik. Sie können versöhnen oder spalten, aufklären oder manipulieren. Die Art, wie Nationen ihrer Toten gedenken, offenbart ihr Selbstverständnis – und ihre Absichten für die Zukunft. In einer Welt, in der wieder Krieg in Europa herrscht, gewinnt die Frage an Dringlichkeit: Erinnern wir, um zu mahnen – oder um zu mobilisieren? YANUS verfolgt dieses Thema weiter.

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Redaktion YANUS | Politik. Wirtschaft. Hintergründe.

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