Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Wie Nationen ihre Toten ehren
Wien, 21. April 2026 — Der Zweite Weltkrieg forderte zwischen 70 und 85 Millionen Menschenleben. Acht Jahrzehnte später ringen die ehemaligen Kriegsparteien noch immer um die richtige Form des Gedenkens. Während in Europa der 8. Mai als Tag der Befreiung gefeiert wird, begeht Russland den 9. Mai mit Militärparaden. China erinnert am 3. September an den Sieg über Japan. Die Gedenkkultur offenbart dabei nicht nur historische Wunden, sondern auch aktuelle geopolitische Spannungen.
Europas gespaltene Erinnerung
In Westeuropa dominiert das Gedenken an die Opfer des Holocaust und den Widerstand gegen den Faschismus. Frankreich begeht den 8. Mai als nationalen Feiertag, Großbritannien erinnert am Remembrance Day im November an alle Kriegsgefallenen. Deutschland nimmt eine Sonderstellung ein: Der 8. Mai wurde erst 1985 durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker offiziell als Tag der Befreiung anerkannt. In Österreich ist der 27. April als Tag der Unabhängigkeitserklärung von Bedeutung, doch ein einheitlicher Gedenktag für die Kriegsopfer fehlt bis heute. Osteuropa kämpft derweil mit einem doppelten Erbe: Die Befreiung vom Nationalsozialismus ging nahtlos in die sowjetische Besatzung über. Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine haben ihre Gedenkkultur seit 1989 grundlegend neu ausgerichtet.
Asiens schwieriges Erbe
China hat den 3. September zum offiziellen Gedenktag erklärt – der Tag der japanischen Kapitulation 1945. In Nanjing erinnert ein monumentales Museum an das Massaker von 1937, bei dem nach chinesischen Angaben über 300.000 Zivilisten ermordet wurden. Japan selbst begeht den 15. August als Gedenktag, an dem Kaiser Hirohito die Kapitulation verkündete. Die unterschiedlichen Perspektiven belasten die Beziehungen bis heute. Besuche japanischer Politiker am umstrittenen Yasukuni-Schrein, wo auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden, lösen regelmäßig diplomatische Krisen aus. Südkorea wiederum feiert den 15. August als Tag der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft. Die historischen Konflikte überlagern wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen in einer Region, die heute im Zentrum globaler Machtverschiebungen steht.
Gedenken als politisches Instrument
Die Art des Erinnerns ist nie neutral. Russlands pompöse Siegesparaden am 9. Mai dienen seit Jahren der innenpolitischen Legitimation und wurden seit 2022 verstärkt zur Rechtfertigung des Ukraine-Krieges instrumentalisiert. China nutzt das Gedenken an japanische Kriegsverbrechen auch, um territoriale Ansprüche im Ost- und Südchinesischen Meer historisch zu untermauern. Gleichzeitig fordern Historiker weltweit eine differenziertere Aufarbeitung. Die Rolle der Kolonialtruppen aus Afrika und Asien, die für europäische Mächte kämpften, findet erst langsam Eingang in die offizielle Erinnerungskultur. Auch das Schicksal der sogenannten Trostfrauen – koreanische und chinesische Zwangsprostituierte in japanischen Militärbordellen – bleibt ein ungelöstes Kapitel.
Die zwei Seiten der Macht
Gedenkstätten und Feiertage halten die Erinnerung an unfassbares Leid wach. Doch sie sind auch Projektionsflächen für gegenwärtige Politik. Wer die Deutungshoheit über die Geschichte besitzt, formt das Selbstverständnis einer Nation – und legitimiert Entscheidungen für die Zukunft. In einer Welt, in der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist und in Asien neue Konflikte drohen, gewinnt die Frage an Brisanz: Erinnern wir, um zu mahnen – oder um zu mobilisieren? YANUS verfolgt dieses Thema weiter.