Gedenken an den Zweiten Weltkrieg: Wie Nationen ihre Kriegstoten ehren
Wien, 19. April 2026 — Der Zweite Weltkrieg forderte zwischen 70 und 85 Millionen Menschenleben. Acht Jahrzehnte später ringen die Nationen noch immer um die richtige Form des Gedenkens – und instrumentalisieren die Erinnerung zunehmend für aktuelle politische Zwecke.
In nahezu allen Ländern, die maßgeblich am größten militärischen Konflikt der Menschheitsgeschichte beteiligt waren, wurden offizielle Gedenktage eingerichtet. Sie sollen an die Gefallenen erinnern, die Opfer ehren und – so die offizielle Lesart – künftige Generationen vor den Schrecken des Krieges warnen. Doch die Art und Weise des Gedenkens unterscheidet sich erheblich.
Europas geteilte Erinnerung
In Westeuropa gilt der 8. Mai als Tag der Befreiung. Frankreich, Großbritannien und zahlreiche andere Staaten begehen diesen Jahrestag mit Kranzniederlegungen und Gedenkminuten. Deutschland hat sich nach Jahrzehnten der Aufarbeitung zu einer kritischen Erinnerungskultur bekannt, die Täterschaft und Opfer differenziert betrachtet.
Russland hingegen feiert den Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai – der „Tag des Sieges“ ist dort zum wichtigsten nationalen Feiertag avanciert. Militärparaden auf dem Roten Platz demonstrieren Stärke, das Gedenken verschmilzt mit Nationalstolz. Kritiker sehen darin eine zunehmende Instrumentalisierung der Geschichte für gegenwärtige geopolitische Interessen.
Chinas wachsende Gedenkkultur
Die Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahren ihre Erinnerungspolitik deutlich ausgebaut. Seit 2014 begeht das Land offiziell den 3. September als „Tag des Sieges im Widerstandskrieg gegen Japan“ sowie den 13. Dezember als nationalen Gedenktag für die Opfer des Massakers von Nanjing. Bei diesem Kriegsverbrechen der japanischen Armee im Jahr 1937 wurden nach chinesischen Angaben mehr als 300.000 Menschen getötet.
Die Gedenkstätten in Nanjing, aber auch das Museum des chinesischen Volkswiderstands in Peking, ziehen jährlich Millionen Besucher an. Peking nutzt diese Erinnerungsorte auch, um den eigenen Beitrag zum alliierten Sieg im Pazifikkrieg zu unterstreichen – ein Narrativ, das im Westen lange unterbelichtet blieb.
Gedenken als geopolitisches Instrument
Die unterschiedlichen Gedenktraditionen spiegeln nicht nur historische Erfahrungen wider, sondern dienen auch aktuellen außenpolitischen Zielen. Japan etwa tut sich bis heute schwer mit einer umfassenden Aufarbeitung seiner Kriegsverbrechen – ein ständiger Konfliktpunkt in den Beziehungen zu China und Südkorea.
Für Österreich, das 1945 gleichermaßen befreit wurde und als „erstes Opfer“ Hitlers galt, bleibt die Erinnerungsarbeit eine Gratwanderung zwischen Opfergedenken und Mittäterschaftsdebatte. Der 8. Mai wurde erst 2013 zum offiziellen Gedenktag erklärt.
Die zwei Seiten der Macht
Gedenkkultur ist niemals neutral. Sie formt nationale Identität, legitimiert politische Systeme und beeinflusst internationale Beziehungen. Während das gemeinsame Erinnern Versöhnung fördern kann, wird es von manchen Regierungen gezielt eingesetzt, um Nationalismus zu schüren oder außenpolitische Ansprüche zu untermauern. Die Frage, wie wir der Toten gedenken, bleibt damit auch 80 Jahre nach Kriegsende hochpolitisch. YANUS verfolgt dieses Thema weiter.