Wirecard: Das österreichische Netzwerk
Nach sechs Jahren Untersuchungshaft steht Markus Braun vor dem Urteil. Doch die Verbindungen des Wirecard-Skandals nach Österreich und die Rolle des flüchtigen Jan Marsalek sind weiterhin nicht vollständig aufgeklärt.
Der Strafprozess gegen den früheren Wirecard-Vorstandsvorsitzenden Markus Braun nähert sich seinem Ende. Das Landgericht München I hat am 8. Oktober 2026 einen Antrag der Verteidigung auf Aussetzung des Verfahrens abgelehnt. Die Schlussplädoyers sollen Ende Oktober beziehungsweise Anfang November stattfinden.
Braun, ein österreichischer Staatsbürger, sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft. Der heute 56-Jährige bestreitet weiterhin sämtliche Betrugsvorwürfe und verweist auf seinen ehemaligen Vorstandskollegen Jan Marsalek.
Zwei Österreicher im Zentrum des Skandals
Der Zusammenbruch des ehemaligen DAX-Konzerns im Juni 2020, nachdem angebliche Treuhandguthaben von 1,9 Milliarden Euro nicht nachgewiesen werden konnten, entwickelte sich zu einem der größten deutschen Wirtschaftsskandale.
Doch zwei der zentralen Figuren stammen aus Österreich: Markus Braun und Jan Marsalek.
Während Braun in München vor Gericht steht, ist Marsalek seit Juni 2020 flüchtig. Internationalen Recherchen zufolge soll er sich nach Russland abgesetzt haben und dort Verbindungen zu russischen Nachrichtendiensten unterhalten.
Besonders brisant sind seine früheren Kontakte zu österreichischen Politikern, ehemaligen Nachrichtendienstmitarbeitern und Personen aus dem Sicherheitsapparat. Diese Verbindungen waren bereits Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen und journalistischer Recherchen.
Damit ist Wirecard nicht nur ein deutscher Bilanzskandal, sondern auch eine österreichische Geheimdienst- und Sicherheitsaffäre.
Auf den Spuren von Markus Braun in Wien
Auch Brauns frühere Aktivitäten und sein persönliches Umfeld in Österreich wurden journalistisch untersucht.
oe24-Wirtschaftschef Aaron Brüstle recherchierte bereits vor mehreren Jahren gemeinsam mit dem österreichischen Wirtschafts- und Cybersecurity-Experten Cornelius Granig und Herausgeber von Yanus zu Brauns Vergangenheit in Wien.
Ein Foto dieser Recherche veröffentlichte oe24 erneut am 11. Oktober 2026 anlässlich eines Berichts über das bevorstehende Prozessfinale.
Bildunterschrift: oe24-Wirtschaftschef Aaron Brüstle (links) und Cornelius Granig bei Recherchen zur Vergangenheit von Markus Braun in Wien. Foto: © TZOE Kernmayer / oe24, 11. Oktober 2026.
Neue Fragen zum Wirecard-Geschäft
Die Verteidigung Brauns wollte das Verfahren unter anderem wegen möglicher neuer Erkenntnisse aus einem anderen Strafprozess aussetzen lassen.
Im Zusammenhang mit dem Koblenzer Verfahren „Operation Chargeback“ werden mögliche Verbindungen zwischen früheren Wirecard-Geschäften, internationalen Zahlungsströmen und dem Umfeld von Jan Marsalek diskutiert.
Dabei geht es um die Frage, ob Teile des umstrittenen Drittpartnergeschäfts tatsächlich existierten und möglicherweise Einnahmen an Wirecard vorbeigeleitet wurden. Diese Darstellung ist bislang nicht gerichtlich bestätigt.
Der Prozess endet, die Aufarbeitung nicht
Auch wenn das Münchner Gericht in den kommenden Monaten ein Urteil fällt, werden wesentliche Fragen offenbleiben.
Welche Rolle spielten österreichische Netzwerke bei den Aktivitäten von Jan Marsalek? Wer unterstützte seine internationalen Kontakte? Und wohin flossen die Gelder aus dem umstrittenen Drittpartnergeschäft?
Der Wirecard-Prozess könnte bald abgeschlossen sein. Die Aufarbeitung der österreichischen Verbindungen ist es noch lange nicht.
Quellen
oe24, Aaron Brüstle, 11. Oktober 2026: „6 Jahre U-Haft: Thriller im Wirecard-Finale“