Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft und die Callcenter-Mafia
Ein hochrangiger Beamter aus dem Büro des ehemaligen ukrainischen Generalstaatsanwalts Ruslan Kravchenko soll Callcenter-Betrüger gegen Bares geschützt haben.
Betrügerische Callcenter, die Ukrainern und Ausländern am Telefon Geld abluchsen, sind in Osteuropa ein bekanntes Problem.
Neu ist der Verdacht, dass ausgerechnet Mitarbeiter der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft dieses Geschäft nicht bekämpft, sondern gegen Bezahlung geschützt haben sollen.
Das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) veröffentlichten dazu im September 2026 Ermittlungsdetails einer Operation mit dem Codenamen „Karthago“.
Das mutmaßliche Geschäftsmodell
Nach Darstellung der Ermittler zahlten Callcenter monatlich Geld an Vertreter des Systems, im Gegenzug sollten Strafverfolger nicht gegen sie vorgehen.
Quellen der „Ukrainska Pravda“ sprechen von rund 7.000 US-Dollar pro Monat und Callcenter. Bei bis zu 500 geschützten Callcentern auf dem Höhepunkt der Entwicklung im heurigen Jahr ergäbe das ein Potential von bis zu 3,5 Millionen US-Dollar (rund 3 Millionen Euro) Schmiergeldzahlungen monatlich.
Festnahmen und Kautionen
Als wichtige Person beschreiben ukrainische Medien wie „Schemes“ und die „Ukrainska Pravda“ Serhii Kropyva, der früher als stellvertretender Leiter der Abteilung für internationale rechtliche Zusammenarbeit im Büro des Generalstaatsanwalts der Ukraine tätig war.
Das Hohe Antikorruptionsgericht ordnete am 6. September seine Untersuchungshaft an und setzte eine Kaution von 120 Millionen Hrywnja fest, umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro. Auch eine 24-jährige Verdächtige namens Yelyzaveta Ivakhnenko sowie Kropyvas Fahrer Serhii Kutsyi wurden festgenommen.
Die Nähe zum Generalstaatsanwalt
Brisant wird der Fall durch die Verbindung zu Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko selbst. Nach Angaben eines SAPO-Staatsanwalts soll Kropyva Aufgaben übernommen haben, die über eine normale dienstliche Beziehung hinausgingen:
Er soll Renovierungsarbeiten an einem von Kravchenko genutzten Haus im Kyiver Nobelvorort Kozyn koordiniert, bei der Organisation eines US-Visums für dessen Ehefrau geholfen und die Geburtstagsfeier des Generalstaatsanwalts in Madrid organisiert haben.
Diese Verflechtungen werfen die Frage auf, wie unabhängig die oberste Anklagebehörde des Landes von den Personen agiert, die sie eigentlich überwachen soll.
Für die EU ist der Fall relevant, weil ukrainische Callcenter regelmäßig auch Bürger in EU-Staaten kontaktieren, etwa bei Investment- und Krypto-Betrug. Österreichische Konsumentenschutzstellen registrieren seit Jahren Fälle mit Verbindungen in die Region.
Ermittlungsverfahren wie „Karthago“ berühren damit auch die Frage, wie wirksam grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen ukrainischen und europäischen Strafverfolgungsbehörden funktioniert, ein Thema, das im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen der Ukraine unter dem Kapitel Justiz und Grundrechte ausdrücklich verhandelt wird.
Für alle genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung.
Quellen: